Den Menschen die städtischen Gewässer zurückgeben
Herr van der Linden, Sie sind Mitglied im Steuerkreis der „Swimmable Cities Alliance“. Welche Idee steht hinter der Allianz?
Menschen sind seit Ewigkeiten in Städten geschwommen. Doch in den letzten hundert Jahren mussten in Europa immer mehr städtische Flussbäder wegen zu starker Verschmutzung schließen. Seit einiger Zeit sind aber verstärkt Initiativen entstanden, die sich darum bemühen, städtische Gewässer ökologisch zu verbessern und wieder schwimmbar zu machen.
Zu den Gründungsmitgliedern der Swimmable Cities Alliance gehören Verbände und Initiativen wie Flussbad Berlin oder der Schwimmverein Donaukanal in Wien. Viele Akteure standen bereits im Austausch miteinander. Den Startschuss markierte die Veröffentlichung des Swimmable Cities Handbook durch das australische Beratungsunternehmen Regeneration Projects im Herbst 2023. Aktuell besteht die Allianz aus 230 Organisationen und 115 Städten in fast 40 Ländern sowie sechs Kontinenten.
Welche Ziele verfolgt die Allianz?
Wir möchten Städte weltweit dabei unterstützen, ihren Bewohner*innen das Wasser zurückzugeben. Denn schwimmbare Gewässer sind ein Schlüsselindikator für die Lebensqualität von Städten. Wir verstehen uns als Plattform zum Austausch von Erfahrungen und Wissen und richten uns sowohl an Aktivist*innen als auch an Entscheidungstragende in Politik und Verwaltung. Um Verantwortliche in Städten von unserem Anliegen überzeugen, zeigen wir die Verknüpfung mit größeren Themen wie Klimaresilienz und Biodiversität auf.
Wichtig ist uns außerdem, auf die soziale Dimension des Themas aufmerksam zu machen: Menschen mit geringem Einkommen können es sich oft nicht leisten, zur Abkühlung in den Urlaub ans Meer zu fahren. Schwimmgelegenheiten in der Nähe des Wohnorts sind für diese Personen in heißen Sommern unverzichtbar.
Wie ist die Allianz organisiert?
Grundsätzlich kann jede Stadt Mitglied werden – unabhängig von ihrer Größe oder Lage. Dazu reicht es, die Swimmable Cities Charter zu unterzeichnen und so die Unterstützung unserer zehn Grundsätze zu bekräftigen. Die Unterzeichnung der Charta hat eher den Charakter einer Absichtserklärung als eines Vertrags. Die strategische Ausrichtung der Allianz verantwortet ein internationaler Steuerkreis aus derzeit sieben Personen.
Welche Rolle spielt die Schwimmbarkeit von Flüssen und Kanälen in der nachhaltigen Stadtentwicklung?
Mit Ausnahme vom Trinken und Waschen ist Menschen Wasser niemals körperlich näher als beim Schwimmen. Allein deshalb sind innerstädtische Gewässer ein emotionales Thema. Ob Erholungswert, Klimaresilienz oder Biodiversität – schwimmbare Gewässer bieten viele positive Effekte, die sich gegenseitig verstärken. Ein Paradebeispiel für eine menschen- und klimagerechte Stadtentwicklung ist Paris unter Bürgermeisterin Anne Hidalgo. 2025 wurden die ersten Flussbäder in der Seine für die Bevölkerung geöffnet – noch vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen. Vorbildlich ist außerdem die Schweiz. In den Stadtzentren von Basel, Zürich und Bern lässt sich schon seit Jahrzehnten in Flüssen und Kanälen schwimmen. Statt morgens eine Runde zu joggen, gehen die Menschen dort einfach direkt vor ihrer Haustür schwimmen.
Welche Hindernisse stehen dem Ziel, schwimmbare Städte für alle zu schaffen, derzeit noch entgegen?
Die Verschmutzung städtischer Gewässer durch Abwasser aus Kanalüberläufen, Chemikalien, Müll, Mikroplastik oder Treibstoffreste bleibt das zentrale Problem. Immer wieder stoßen wir auch auf gesetzliche Hürden und mangelnde Veränderungsbereitschaft bei den verantwortlichen Behörden – und sei es nur aus Sorge, die Menschen könnten im Wasser ertrinken. Dabei sollten Städte ihre Gewässer so gestalten, dass sich dort alle Bewohner*innen unabhängig von ihren Schwimmfähigkeiten sicher aufhalten können.
Ein Meilenstein der Allianz war der Swimmable Cities Summit 2025 in Rotterdam. Was waren die wichtigsten Ergebnisse des Gipfels?
Bei dem Gipfel kamen Regierungsvertretende, Aktivist*innen und Führungskräfte aus der Wirtschaft zu Vorträgen und Workshops zusammen. In den Pausen gingen wir alle gemeinsam schwimmen. Ein thematischer Schwerpunkt lag auf der Infrastruktur, um Zugang zu urbanen Gewässern herzustellen – vom eher konventionellen Schwimmbad bis zum Stadtstrand. Dabei suchen wir auch den Kontakt zu Immobilienentwicklern, um gemeinsam mit öffentlichen Auftraggebern Projekte zu realisieren.
Welche Ziele setzen Sie sich für den bevorstehenden Gipfel 2027?
Wir möchten unsere Anliegen, Wasser als zentrales Element lebenswerter Stadträume zu verstehen, über Europa und Nordamerika hinaus in andere Teile der Welt bringen. Derzeit sind wir mit verschiedenen Städten über die Ausrichtung des Gipfels im Gespräch. Das rege Interesse und der Zuspruch für unsere Themen motivieren uns sehr. Erst im Januar hatten wir bei einem Round Table 50 Bürgermeister*innen aus der ganzen Welt zu Gast. Das bestärkt uns darin, unseren integrativen Ansatz fortzuführen. Wir erzählen keine Geschichten vom Untergang, sondern zeigen Lösungen auf.
Bis 2030 möchte die Allianz 30 Modellstädte für schwimmbare Gewässer präsentieren. Wie weit sind sie auf diesem Weg derzeit?
Wir sind zuversichtlich, unser Ziel zu erreichen. Außerdem sollen bis dahin mindestens 300 Städte ebenfalls mit konkreten Maßnahmen an der Schwimmbarkeit ihrer Gewässer arbeiten. Eine der großen Herausforderungen ist es zu verhindern, dass Abwasser in Flüsse gelangt. Doch je mehr Städte sich unserer Bewegung anschließen, desto stärker profitieren alle vom Austausch miteinander.
Zusätzlich stimmen uns technologische Fortschritte optimistisch. Während Messergebnisse früher erst nach zwei Tagen vorlagen, kann die Wasserqualität heute in Echtzeit erfasst werden. So können wir den Menschen verlässlicher mitteilen, ob das Wasser sauber ist oder nicht. Gleichzeitig sammeln wir Daten, die uns helfen, die Wasserqualität besser zu verstehen und auszuwerten – ganz ohne komplexe Prognosemodelle, wie man sie etwa aus der Wettervorhersage kennt.
BIOGRAFIE
Adriaan van der Linden ist Development Manager bei Leisurelands und arbeitet an der Qualität, Sicherheit und dem Gesamterlebnis von Erholungsgebieten in den Niederlanden. Badegewässerqualität spielt eine wichtige Rolle in seiner Arbeit. Er engagiert sich aktiv in der Swimmable Cities Alliance und tritt regelmäßig bei nationalen und internationalen Veranstaltungen als Sprecher auf.