19.12.2025

Mehr Grün, weniger Asphalt

Wie eine Freiraumwende sogar an Verkehrsknoten in europäischen Metropolen gelingen kann
In vielen Städten dominieren heute noch weite Flächen mit Asphalt, Beton und versiegelten Straßen. Diese großmaßstäblichen Verkehrsräume wurden vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geplant, als Städte vor allem als Symbol für Wachstum, Mobilität und dichte Bebauung galten – der schleichende Klimawandel war noch weitestgehend unbekannt, städtische Freiräume oft zweitrangig. Der meiste städtische Raum wurde dem Auto eingeräumt: breite Straßen, große Kreisverkehre, asphaltierte Plätze, Parkflächen.
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Der Park am Verkehrsknotenpunkt Sankt Kjelds Plads dient nicht nur zahlreichen Tieren als neues zu Hause, auch Passant*innen können ihn auf unterschiedlichen Wegen begehen.
Foto:
Mikkel Eye

Heute steht diese Planung zunehmend in der Kritik. Städte verwandeln sich durch starke Hitze­belastung in unangenehme Aufenthaltsorte. Gleichzeitig werden städtische Infrastruktur und Entwässerungssysteme durch Starkregenereignisse überfordert – viele Systeme sind unterdimensioniert, die Folge sind Überschwemmungen tiefer liegender Gebiete, vollgelaufene Keller und zerstörter Wohnraum. Der Autoverkehr wird nicht mehr uneingeschränkt als Ziel betrachtet – stattdessen gewinnen Fuß­gänger*innen, Radfahrende und Erholung suchende Menschen Raum.

Verkehrsräume im Fokus

Ein Umdenken hat bereits eingesetzt. Insbesondere große Plätze und innerstädtische Verkehrsräume wie große Kreuzungen oder Kreisverkehre rücken immer mehr in den Fokus der Umgestaltung. Hier existiert erheblicher Gestaltungsspielraum: mehr Mensch, weniger Auto. Mehr Grün, weniger Hitze. Doch welche Möglichkeiten gibt es, die Stadtstruktur an diesen oft neuralgischen Punkten umzubauen? Zwei internationale Beispiele zeigen Wege in eine neue urbane Realität.

Beispiel 1: Kopenhagen – ein Kreisverkehr mit Wald

Eine verheerende Unwetterlage, ein wahrer Wolkenbruch, ließ den Kopenhagener Stadtteil Østerbro im Jahr 2010 in Wassermassen versinken. Dieses Unglück mit Millionenschäden sorgte für ein Umdenken in der Stadtplanung und löste eine Vielzahl an Wassermanagementprojekten in der Stadt aus.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich diese Transformation am großen Verkehrsknotenpunkt Sankt Kjelds Plads. Wo vorher Asphalt, zahlreiche Fahrspuren und Parkplätze das Bild der Stadt prägten, bieten heute zahlreiche Grünflächen dem Wasser Möglichkeit zu versickern. So wurde eine Fläche von etwa 9.000 m² — das entspricht zwei Dritteln der vormals asphaltierten Fläche — in urbanen Grünraum umgewandelt. Der Grundriss als Kreisverkehr blieb bestehen, aber die befahrbare Fläche wurde stark reduziert. Gleichzeitig entstand ein Grünraum mit hoher Aufenthaltsqualität: Bänke, „versteckte“ Ecken, Dickicht und Gehölz – teils wie ein kleiner Stadtwald.

Insbesondere aus der Vogelperspektive wird deutlich, welchen Mehrwert die Umgestaltung für die Stadt Kopenhagen bietet.
Foto:
Rasmus Hjortshøj
Zwischen den Bäumen und Sträuchern wurden Wiesen angelegt, auf denen Kinder toben und Erwachsene zur Ruhe kommen können.
Foto: Mikkel Eye

Auch das Wassermanagement wurde grundlegend neu gestaltet: Eine First-Flush-Stufe leitet das initial stark belastete Straßenwasser in die Kanalisation, damit Abrieb und Verschmutzungen kontrolliert abgeführt werden. Eine Second-Flush-Stufe mit grünen Regen­beeten, unterirdischen Rohren und Kanälen sorgt dafür, dass größere Regenmengen verzögert versickern oder rückgehalten werden. 

Für Städte mit großen asphaltierten Flächen – seien es Plätze, Kreisverkehre oder Auto­dominierte Kreuzungen – zeigt dieses Beispiel: Es lohnt sich, Fläche neu zu denken. Man muss Verkehrsadern nicht verschwinden lassen, aber man kann sie schlanker machen, Ersatzräume für Grün und Wasser schaffen und damit Klimaanpassung mit Städtebau verbinden. In Kombination mit einem ökologischen und ökonomischen Lichtkonzept, stärken diese Maßnahmen nicht nur die Klimaresilienz urbaner Räume, sondern auch die örtliche Gemeinschaft, indem sie ganzheitliche und wertvolle Aufenthaltsräume schaffen.

Beispiel 2: Place de Catalogne, Paris – Tangente statt Kreisverkehr

Auch Paris macht in Sachen Stadtumbau seit Jahren von sich reden. Viel Grün, großzügige Fahrradspuren und ein groß angelegter Ausbau des Nahverkehrs verändern die Stadt sichtbar. Der Place de Catalogne im 14. Arrondissement, in Nachbarschaft zum Gare Montparnasse, erfuhr einen besonderen Umbau und wurde komplett neu ausgerichtet. Der einstige riesige Kreisverkehr mit einem nicht mehr funktionstüchtigen Brunnen in der Mitte wies die gleichen Probleme auf wie viele Verkehrsknoten in der Stadt. Kaum Aufenthaltsqualität, kaum Schatten, hohe sommerliche Temperaturen und eine enorme Verkehrsbelastung.

Der Umbau sah vor, den Verkehr nur noch über einen Teil des Platzes zu führen und den Kreisverkehr aufzugeben. In der Mitte des Platzes wurden 470 Bäume gepflanzt, darunter große und mittelgroße sowie junge Bäume im Alter von zwei bis vier Jahren. So wurde aus ehemals nahezu vollständig versiegelter Fläche eine urbane „Waldfläche“ von über 4.000 m² geschaffen. Erwartet wird eine Temperatur­senkung um bis zu 4°C im Bereich der neuen Vegetation. Der Platz war früher von Fahrzeugen dominiert. Heute lädt nun ein breiter Boulevard im südlichen Teil des Platzes zum Verweilen auf den Terrassen der angrenzenden Cafés und Bistros ein.

Im Sommer kann es in der französischen Hauptstadt sehr warm werden. Der Stadtpark kühlt Bewohner*innen und Tourist*innen nicht nur die intensive Begrünung, sondern auch durch ein Wasserspiel im Stadtwald.
Foto:
Presse Paris
Mittendrin und doch fernab vom Trubel der Metropole. Der Stadtwald auf dem ehemaligen Kreisverkehr am Place de Catalogne ermöglicht Passant*innen eine kleine Pause vom Lärm, der Hitze und dem Treiben der Stadt.
Foto:
Presse Paris

Das Potenzial der Straße

Aus den Projekten lässt sich klar erkennen, wie wirkungsvoll die gezielte Entsiegelung städtischer Räume sein kann. Ein vormals stark vom Autoverkehr dominiertes, zentral gelegenes Platzformat wurde in eine grüne Stadtwald-Oase verwandelt. Dieser Wandel zeigt, welches Potenzial in solchen Flächen steckt: Werden große Asphaltareale entsiegelt, entstehen Schatten, Verdunstungskühle und neue Aufenthaltsqualität – wichtige Faktoren, um städtische Hitzeinseln zu reduzieren.

Gleichzeitig wird deutlich, dass erfolgreiche Umgestaltung weit mehr bedeutet als „Grün statt Auto“. Entscheidend ist das Zusammenspiel verschiedener Elemente: die Reduktion motorisierter Verkehrsflächen zugunsten von Fuß- und Radwegen, neue Grün- und Wasserstrukturen als aktive Infrastruktur für Kühlung und Regenrückhalt sowie eine Gestaltung, die soziale Nutzung ermöglicht – etwa durch gute Wegeführung, Sitzgelegenheiten oder Gastronomieangebote.

Die Fallbeispiele machen zudem sichtbar, dass solche Transformationen bereits heute realisiert werden, insbesondere an Orten mit hoher Hitze- oder Regenwasserbelastung. Voraussetzung für ihren langfristigen Erfolg sind eine frühzeitige Einbindung der Nutzenden sowie kontinuierliche Pflege der neuen Vegetation und Aufenthaltsbereiche. Insgesamt zeigen die Beispiele, wie Klimaanpassung, Städtebau und Mobilitätswende zu einem ganzheitlichen Ansatz verschmelzen können, der urbane Räume lebenswerter macht.

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